Tom Harrell "Der Allerbeste" feature article in Jazzthing.de

Tom Harrell. Der Allerbeste [1/2]

Tom Harrell
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Zu den Lieblingen von Jazz thing gehört er schon lange, in den Jahrescharts der Mitarbeiter landen seine Alben immer auf den vorderen Plätzen. Mit seiner neuen CD „Prana Dance“ (High Note/ZYX) ist dem amerikanischen Trompeter Tom Harrell erneut ein packendes und dichtes Meisterwerk des zeitgenössischen Jazz gelungen.

Ein reines Vergnügen ist ein Interview mit Tom Harrell nicht. Sehr schleppend und träge kommen seine Antworten, manchmal ist er kaum zu verstehen. Diese Kommunikationsschwierigkeiten dürften den Nebenwirkungen der Medikamente geschuldet sind, die der Trompeter nimmt, um seine Schizophrenie in Schach zu halten. Doch wenn er sich erstmal warmgelaufen hat, kommt Tom Harrell richtig ins Erzählen – und man merkt, dass er außer dem Musikmachen selbst nichts lieber macht, als sich darüber zu unterhalten.
„Er ist der Allerbeste“, hat Kollege Jack Walrath einst über ihn gesagt, und in der Tat gehört Tom Harrell zu der ehrwürdigen Spezies der „musician‘s musician“, was leider auch bedeutet, dass seine Bedeutung und sein Prestige in der Öffentlichkeit beileibe nicht so groß sind, wie er es verdient hätte – vom Absatz seiner CDs einmal ganz zu schweigen.

Dabei hat der Trompeter, der 1946 in Illinois geboren wurde, schon früh mit den ganz Großen gespielt. Er startete Ende der Sechzigerjahre in Stan Kentons Big Band und ging mit 24 in die Band von Woody Herman. In den Mittsiebzigern war er Mitglied in der Gruppe von Horace Silver, und schon 1976 veröffentlichte er sein erstes Soloalbum. Der Saxofonist Phil Woods holte ihn in den Achtzigerjahren in sein Quintett, dem er bis 1989 angehörte. Seit zwanzig Jahren ist er vorrangig unter eigenem Namen unterwegs, und auf seinen Platten sind Sidemen wie Kenny Garrett, Kenny Baron, John Scofield, Joe Lovano, Danilo Perez, Leon Parker, Billy Hart, Charlie Haden, Reggie Johnson und Art Farmer zu hören. Zu seinen herausragenden Platten aus den letzten Jahren zählen „Paradise“ (Bluebird 2001), „Live At The Village Vanguard“ (Bluebird 2002) und „Light On“ (High Note 2007).

Auf „Light On“ hatte Tom Harrell auch schon das Quintett beieinander, das jetzt auf „Prana Dance“ zu hören ist. Mit dem Bassisten Ugonna Okegwo spielt Harrell schon seit zehn Jahren zusammen. „Ugonna hat ein wunderbares ,time feeling‘,“ schwärmt Tom Harrell. „Ich mag seine ganze Herangehensweise, und er ist ein Fundament meiner Band.“

Der Schlagzeuger Jonathan Blake treibt die gar nicht einfachen, aber stets selbstverständlich erscheinenden Kompositionen Harrells unerbittlich voran, kann aber auch Balladen einfühlsam gestalten. Mit dem Keyboarder Danny Grissett hat Tom Harrell einen Glücksgriff getan – insbesondere dessen Spiel auf den Fender Rhodes prägt „Prana Dance“ wie sonst nur Harrells Trompete. „Ich habe Danny in Philadelphia kennengelernt, wo wir zusammen gespielt haben“, erinnert der Trompeter sich. „Er ist ein sehr individueller Musiker – ich mag aber auch, wie er sich auf dem akustischen Piano anhört.“

Zweiter Bläser von Harrells Quintett ist der Sopran- und Tenorsaxofonist Wayne Escoffery. Escoffery, der seit knapp zehn Jahren in leitender Funktion in der Charles Mingus Big Band tätig ist, hat nicht nur einen mächtigen Sound, sondern unterstützt zum Beispiel auch die Musik seiner Frau Carolyn Leonhart, die schon für Steely Dan am Mikrofon gestanden hat. „Wayne klingt großartig“, sagt Tom Harrell. „Als ich ihn kennen lernen wollte, hatte ich eine CD von ihm gehört, die mich sehr beeindruckt hat. Und ich bin immer noch beeindruckt von ihm.“

Außer für sein flüssiges und lyrisches, aber gleichzeitig auch sehr kraftvolles Spiel auf Trompete und Flügelhorn wird Tom Harrell von anderen Musikern vor allem für seine Kompositionen geschätzt. Hohe Komplexität bei maximaler Griffigkeit verleihen seinen Stücken eine fast beispiellose Eindringlichkeit, und seine Themen, die man schon nach kurzer Zeit mitsummen kann, setzen sich schnell im Ohr fest. Frickelige ,time changes‘, komplizierte Breaks und voluminöse Grooves verbindet Harrell mit einer Leichtigkeit, die seiner Musik eine offensive Zugänglichkeit verleihen – gleichzeitig scheint sie nicht ganz von dieser Welt zu sein. Beispiele dafür gibt es auf „Prana Dance“ zuhauf: Da ist das majestätische „Maharaja“ oder der vorwärts drängende Opener „Marching“. Für eine gefühlvolle Ballade wie „The Sea Serpent“ würden viele Jazzmusiker wohl ihren rechten Arm opfern.

Die Konzentration auf die eigene Stärke als Komponist hat er einem seiner Mentoren zu verdanken. „Obwohl ich schon eine Solokarriere verfolgte, als ich bei Phil Woods spielte“, betont Tom Harrell, „war er es, der mich ermutigte, eigene Stücke zu schreiben.“

Mittlerweile ist das Komponieren für den Trompeter zur zweiten Natur geworden. „Ich versuche immer, soviel zu komponieren, wie ich kann“, erzählt Tom Harrell. „Die Quelle meiner Inspiration ist oft eine Idee. Zum Glück habe ich fast immer Ideen, das ist ganz natürlich geworden für mich. Je mehr man komponiert, desto natürlich wird es – das ist wie mit dem Improvisieren. Der Vorteil der Komposition ist jedoch, dass man die Ideen auf einem Blatt Papier wieder ändern und herumschieben kann. Beim Improvisieren kann man die Ideen nicht festhalten – sie kommen und gehen.“

„Prana Dance“ hat Tom Harrell zusammen mit seiner Frau Angela, die auch seine Managerin ist, und Wayne Escoffery produziert. „Es hat wirklich Spaß gemacht, die Stücke zu schreiben“, murmelt er zum Schluss des Gesprächs. Am vierten Juli ist Tom Harrell mit seinem Quintett beim Duisburger Traumzeit-Festival zu erleben.

Rolf Thomas